Nach dem K.O.-Gehen wieder aufstehen

Zwei Loser als Sieger – Theaterstück "Das Herz eines Boxers" an der Berufsschule aufgeführt

Passau. Beruflich erfolglos, sozial isoliert, respektlos behandelt – wer in einer erfolgsverwöhnten Gesellschaft scheitert, landet auf der Verlierertreppe. Der Frust an der Lebenssituation endet oft in hoffnungsloser Resignation. Dabei lässt sich aus Niederlagen auch Kraft schöpfen für einen zweiten Anlauf. Von dieser Kraft des Scheiterns erzählt der preisgekrönte Autor Lutz Hübner in seinem Theaterstück "Das Herz eines Boxers". Die Landshuter Schauspielgruppe "Theater Spielzeit" setzte diesen Klassiker der Moderne an der Karl-Peter-Obermaier-Schule eindrucksvoll in Szene.

Im vollen Festsaal des Grünen Zentrums an der Innstraße verfolgten die Berufsschüler mit großer Begeisterung die Geschichte von Jojo und Leo, zwei Außenseiter unterschiedlicher Generationen, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Beide hat das Leben in die Ecke gedrängt, und dort stehen sie sich zuerst sehr feindselig gegenüber.

Der provokant-aufgedrehte Jojo klopft zwar coole Sprüche, ist aber ein Loser. Er hat bisher nichts auf die Reihe bekommen. Er hat keine Ausbildung, keine Freundin, und in seiner Clique nimmt ihn keiner ernst. Ein hoffnungsloser Fall also. Zu allem Überfluss hat ihn jetzt der Richter nach einem Mofadiebstahl auch noch zu Sozialstunden im Altenheim verknackt.

Dort hängt in einer trostlosen Kammer regungslos-apathisch Leo in seinem Armsessel. Auch er ist ein typischer Verlierer. Als alternder ehemaliger Preisboxer wurde er ins Seniorenheim abgeschoben. Und weil er dort in einer Art Notwehrreaktion mit seinem berühmten linken Haken einen Pfleger niedergestreckt hat, landete er in der geschlossenen Abteilung.

Nun muss Jojo die Wände bei Leo im Seniorenheim streichen. Während der senile Rentner in seinem Sessel nur stumpfsinnig herumsitzt und vor sich hin schweigt, reagiert Jojo seinen Frust ab. Ohne Punkt und Komma klopft er respektlose und provokative Sprüche. Nichts deutet auf eine Gemeinsamkeit hin.

Erst nachdem Jojo gesteht, dass er den Mofaklau nur auf sich genommen hat, um seinen Kumpel vor dem Gefängnis zu bewahren, bricht der verschlossene Alte sein Schweigen und stellt mit fester Stimme bewundernd fest: "Du hast ja richtig Charakter." Langsam kommt es zur Annäherung, und aus der gegenseitigen Abneigung entwickelt sich nach und nach eine Freundschaft, die für das junge Großmaul und für den Boxopa zum verrückten Wendepunkt im Leben wird.

Als Jojo auch noch erfährt, dass Leo einst als "Roter Leo" große Erfolge als Profiboxer gefeiert hat, ist er schwer beeindruckt. Er lässt sich Boxschritte und Schläge zeigen und erfährt gleichzeitig, dass die Philosophie des Boxens nicht darin besteht, den Gegner zu erniedrigen. "Ein richtiger Boxer hat ein Herz, so groß, dass er niemanden hassen kann."

Schließlich helfen sie einander bei der Realisierung ihrer Wünsche und Sehnsüchte. Jojo steht dank der Liebestipps von Leo kurz davor, seinen Schwarm zu erobern, und Leo kann dem Altenheim entfliehen und seinen Traum vom selbstbestimmten Lebensabend realisieren.

Damit das Boxen eine prima Metapher für all das liefert, was menschliche Schicksale ausmacht, braucht es ausdrucksstarke Schauspieler. Die Landshuter Inszenierung lieferte ein eindrucksvolles Sparring zweier lustvoll agierender "Kontrahenten". Ihr temperamentvolles Spiel wirkt tatsächlich oft wie ein Boxkampf.

Nach vorsichtigem Abtasten ging Gernot Ostermann als grummelig-agiler, aber hochsympathischer Ex-Boxprofi mit Yannick Zürcher, der facettenreich das innere Gefühlschaos eines Teenagers repräsentierte, in den Clinch. Dem lebendigen Duell zweier gescheiterter Außenseiter, die sich dann doch gegenseitig aus der Resignation herauskatapultieren, verliehen sie hohe Authentizität.

Nach dem wie ein Boxkampf in sieben Runden unterteilten Stück stehen am Ende zwei Sieger im Ring. Schließlich haben Jojo und Leo den Generationengraben überwunden. Die Sehnsucht nach freiem, selbstbestimmtem Leben wiegt mehr als die Differenz zwischen Jung und Alt. Dafür spendet das Publikum begeisterten Applaus. (PNP vom 20.03.2020)

Zurück