Eine Frau für alle Problemfälle der Berufsschulen

Carolin Holzer (28) arbeitet seit einem Jahr als Schul-Sozialarbeiterin - Job auf 24 Monate befristet - „Notwendigkeit ist da“

Passau. Sie ist seit einem Jahr die Frau für alle Fälle an den Staatlichen Berufsschulen in Passau: Carolin Holzer, Diplom-Sozialpädagogin. „Bedarf ist da“, sagt die Schul-Sozialarbeiterin. „So eine Stelle ist kein Luxus, sondern absolute Notwendigkeit“, bekräftigen die Schulleiter der Staatlichen Berufsschule I, Hans Käfler, und Ernst Weiser von der Staatlichen Berufsschule II. Sie gehören zu den geistigen Vätern dieses auf zwei Jahre befristeten Modellversuchs.
Angst, Mobbing, Wutanfälle
Angst vor einer ungeplanten Schwangerschaft, finanzielle Probleme, Mobbing im Ausbildungsbetrieb, Sozialphobie oder andere Krankheiten, plötzliche Wutanfälle mit Randalen - der 28-Jährigen darf nichts fremd sein und ist es auch nicht nach dem ersten Jahr an den Berufsschulen. Sie ist dort Ansprechpartner für die rund 5000 Schüler, hört zu, organisiert, vermittelt, telefoniert, dokumentiert, kümmert sich einfach um Problemfälle. Ein Vollzeit-Job, laut Arbeitsvertrag 7,42 Stunden pro Tag, fünf Tage die Woche. Nicht gezählt und auch nicht bezahlt die Stunden, die sie Einzel-Schicksale weiter beschäftigen, auch wenn ihr Büro längst zu ist. Und das kam nicht selten vor bei den rund 200 Kontakten, die Schüler zu ihr aufgenommen haben.
Was die Sache erschwert: „Verschwiegenheit ist ganz wichtig in meinem Beruf. Ich tausche mich zwar mit dem Lehrerkollegium aus, mit dem Schulpastoral, den Beratungs- und Vertrauenslehrern und den Schulleitern. Aber Einzelheiten erfahren sie nicht“, sagt die junge Frau. Wenn sie dann doch einmal mit ihrem Latein am Ende ist und Rat braucht, wendet sie sich an Kollegen.
So wichtig dieses funktionierende Netzwerk für Carolin Holzer persönlich ist, so nötig ist das Netzwerken auch für die Schüler. Deswegen pflegt die 28-Jährige engen Kontakt zu Behörden, Beratungsstellen, Betrieben und auch Bewährungshelfern. „Meine Aufgabe ist, Probleme zu erkennen, die Ursachen zu finden, Lösungen zu erarbeiten und zu schauen, dass sie von den Schülern an- und wahrgenommen werden“, sagt die 28-Jährige. Manchmal reicht dafür ein Gespräch, manchmal zieht sich die Begleitung über Monate. „Wenn dadurch ein Schüler seinen Ausbildungsplatz behalten kann, hat sich jeder Aufwand gelohnt.“ Aber auch wenn dies nicht klappt - allein im Gastro-Bereich liegt die Quote der Abbrecher bei 31 Prozent - sei sie weiter gefordert. Denn: „Den Lehrern ist es weder fachlich noch zeitlich möglich, sich um all die unterschiedlichen Probleme der Schüler zu kümmern.“
Was ist es, das die Situation an den Berufsschulen so anders macht gegenüber anderen Bildungseinrichtungen? Es ist die Vielfalt: Unterrichtet werden Hauptschüler, Realschüler, Gymnasiasten und Umschüler. Die Altersstruktur reicht von 16 bis 40. Teils haben die Leute einen Abschluss, teils nicht, teils haben sie eine Lehrstelle, teils nicht. „Rund 300 Schüler im Jahr sind so genannte JoA, Jugendliche ohne Ausbildung. Sie packen den Übergang von der behüteten Schulzeit in die reale Arbeitswelt nicht, wo es viele Hierarchien und wenig Verständnis für Privates gibt“, fasst Hans Käfler zusammen.
Die Folge: Die Schüler sind frustriert, weil sie trotz Bewerbungen keinen Ausbildungsplatz haben. Oder sie empfinden die Berufsschule nur als lästige Warteschleife, weil sie eben ihre zwölfjährige Schulpflicht erfüllen müssen. Oder sie haben ihre Stelle verloren, was für viele einem Scheitern gleichkommt. „Dem sind gerade junge Menschen oft nicht gewachsen. Noch dazu, wenn der familiäre Rückhalt oder ein soziales Umfeld fehlt“, so Käfler. Und Kollege Ernst Weiser fügt hinzu: „Frau Holzer entlastet nicht nur das Kollegium, sondern auch die Sozialarbeit und die Sozialkassen der Kommunen.“
Jetzt sind die Politiker gefordert
Trotzdem: Ob es ihre Stelle über den zweijährigen Modellversuch hinaus geben wird, steht in den Sternen. Wegen der Kosten. „Momentan wird die Stelle als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eingestuft, so dass den Großteil die Arbeitsverwaltung zahlt. Die restlichen Kosten trägt zu gut 50 Prozent der Berufsschulverband, weitere 5000 Euro pro Jahr zahlen die Schulen über Sponsoring“, erklärt Hans Käfler.
„Schulsozialarbeit ist aber keine Aufgabe der Schulen, sondern des Landes“, stellt Ernst Weiser klar. Doch die 350 Sozialpädagogen, die hochgerechnet auf zehn Jahre laut Sozialministerin Christa Stewens bayernweit eingestellt werden, decken den Bedarf aus Passauer Sicht nicht. Hier hofft man jetzt auf die Fürsprache der bildungs-, finanz- und arbeitsmarktpolitisch ausgerichteten regionalen Mandatsträger. „Sie sind informiert“, so Hans Käfler. Und Ernst Weiser ergänzt: „Betroffenheit allein hilft uns in diesem Fall nicht weiter.“ So geht’s auch Carolin Holzer: „Ich will nicht, aber ich muss mich demnächst um einen neuen Job umsehen, damit ich in einem Jahr nicht auf der Straße stehe.“ (PNP 21.07.07). 

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