"Der Kampf um den Azubi ist entbrannt"

PassauÜber acht Jahre hat Eduard Weidenbeck die Staatliche Berufsschule 1 geleitet, seit 34 Jahren ist der Pädagoge an der zweitgrößten Berufsschule Niederbayerns in verschiedensten Funktionen im Einsatz. Am 18. Februar ist nun sein letzter Schul- beziehungsweise Arbeitstag. Zeit für den verheirateten Passauer (64), Vater zweier Töchter und stolzen Opa von mittlerweile vier Enkelkindern, eine Rückschau auf ein bewegtes Berufsleben zu halten.

 

Sie sind seit 2013 Leiter der Peter-Obermaier-Schule, seit 1987 schon hier als Lehrer engagiert. Wie kam es dazu?
Weidenbeck: Eigentlich bin ich mehr per Zufall nach dem Abitur am Leopoldinum in Passau auf das Lehramt für Berufsschulen gestoßen, hab’ dann in München studiert und bin nach dem Referendariat in Weiden und Passau sowie zwei Jahren als Lehrer an der Keramikschule in Landshut 1987 an die BS 1 Passau gekommen. Zuerst als Lehrer zunächst bei den Metallbauern, ab 2002 war ich dann Abteilungsleiter Metall 2 und ab 2006 Leiter der Nebenstelle in der Innstraße bei den Gastro- und Agrarberufen. Seit 2013 leite ich die Berufsschule 1. Leider gibt’s heute noch Gymnasiasten, die nicht wissen, dass es berufliche Schulen gibt (lacht). Ich habe diese Entscheidung nie bereut. Es ist ein total interessanter Beruf, man muss immer auf dem aktuellen Stand sein, egal ob in der Technik oder im IT-Bereich. Und man begleitet Heranwachsende so richtig ins Berufsleben.

Das müssen in all den Jahren unzählige Schüler in unzähligen Berufen gewesen sein?
Weidenbeck: Wir entlassen jedes Jahr rund 700 bis 800 junge Leute in rund 35 Ausbildungsberufen ins Berufsleben, vom Metzger über Gastronomie- und Agrarberufe, vom Fachinformatiker bis hin zu diversen Elektro- und Metallberufen. Teilweise kommen sie aus ganz Niederbayern und noch weiter. Ich schätze mal, es sind so rund 7000 Absolventen während meiner Schulleiterzeit gewesen. Da trifft man heute noch welche, die man immer noch mit Namen kennt. Schade finde ich nur, dass auch jetzt wieder die Ende Januar geplante Abschlussfeier ausfallen musste, sonst immer ein Highlight im Schuljahr und natürlich auch für jeden Schüler, der feierliche Abschluss eines wichtigen Lebensabschnitts

Bei der großen Bandbreite fallen viele administrative Aufgaben an. Blieb da noch Zeit für Unterricht?
Weidenbeck: Bei aktuell rund 2600 Schülern und 100 Lehrkräften, davon 78 hauptamtlich, ist man natürlich mit Verwaltungstätigkeiten gut eingespannt. Aber bis zu vier Wochenstunden Unterricht habe ich auch in den letzten Jahren noch gehalten, meist Deutsch und Sozialkunde in Agrarklassen. Dort, wo eben grad "Not am Mann" war. Es macht mir Freude, bei jungen Leuten für "unser" politisches System zu werben.

Sie sind ja seit über 30 Jahren an der Schule. Wie hat sich die Arbeit verändert?
Weidenbeck: Wandel gehört zu unserer Schule. Es bleibt jedes Jahr spannend, ob und welche Klassen zustande kommen. Anders als bei allgemeinbildenden Schulen wissen wir nie, für welche Ausbildungsberufe sich die Schüler entscheiden. Wenn im September nach den Sommerferien Einschreibetag ist, ist für uns "High Noon". Aber wir haben es immer noch hinbekommen. Da wächst man hinein. Heute haben wir mehr Eigenverantwortung an der Schule, zu der auch eine passgenaue Personalversorgung gehört. Es kommt immer mehr auf geschickte Personalführung an, um niemanden zu überfordern, und um Work-Life-Balance für den Mitarbeiter zu gewährleisten. Und durch das Tempo des technischen Fortschritts und gesellschaftliche Umstände verändern sich ständig die Anforderungen an die schulische Ausbildung. Das macht es nicht einfacher. Man hat kaum Zeit, alles richtig umzusetzen.

Was lag Ihnen besonders am Herzen?
Weidenbeck: Schülern und Lehrern bestmögliche Lehr- und Lernbedingungen zu schaffen. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir eine optimale Ausstattung aller drei Schulen haben und uns der Sachaufwandsträger von Stadt und Landkreis Passau finanziell bestens unterstützt. Es war mir wichtig, für möglichst viele einen erfolgreichen Start ins Berufsleben sicherzustellen. Dabei ist das Schöne an der Berufsschule, dass unsere Schüler, großteils zwischen 16 und 20 Jahre alt, schon mitten im Leben stehen. Unser Schulsystem ist mittlerweile so durchlässig, da hat jeder die Möglichkeit, Karriere zu machen.

Wie haben sich die Schüler verändert? Ist "die Jugend" heute anders als noch vor zehn, 20, 30 Jahren?
Weidenbeck: Die Ausbildungswünsche der jungen Leute haben sich sehr verändert. Haben wir zu meiner Anfangszeit noch vier Metzgerklassen gehabt, so ist das jetzt grad mal noch eine. Auch im Gastrobereich haben wir einen extremen Rückgang. Was steigt, sind die Berufe im IT-Bereich, die Zukunftsbranche schlechthin. Dazu sind die Klassen viel heterogener geworden. Beispielsweise haben wir in den IT-Berufen alles dabei, von abgebrochenem Studium bis hin zum Quali. Das macht es für Lehrer schwer, für jeden das richtige Angebot zu finden. Wir haben heute eine völlig andere Situation wie noch vor Jahren, wo hohe Jugendarbeitslosigkeit herrschte. Jetzt ist der Kampf um den Auszubildenden entbrannt. Betriebe müssen auch vermeintlich "schlechtere" Auszubildende nehmen. Umgekehrt haben die Jugendlichen mehr Auswahl an Ausbildungsplätzen. Aber Anstrengungsbereitschaft und Eigenmotivation sinken bei vielen. Schüler sind oft der Ausbildung und dem Lerntempo nicht gewachsen. Sie sind häufig Lernkonsumenten und haben viel mehr Ablenkungen. Da konkurrieren wir mit Instagram und Co. Zudem verzeichnen wir mehr Ausbildungsabbrecher als früher – insbesondere in den Gastroklassen. Da haben wir viele Schüler mit Migrationshintergrund, bei denen die Sprachdefizite besonders gravierend sind.

Ein Höhepunkt aus Ihrer beruflichen Laufbahn?
Weidenbeck: Das war sicher der Neubau der Schule vor über 20 Jahren. Sie zählt für mich nach wie vor zu den schönsten Schulbauten. Und natürlich dass ich Schulleiter dieser Schule geworden bin. Dank der breiten Unterstützung durch Kollegium und Verwaltung haben wir die Schule während meiner Tätigkeit in vielen Bereichen weiterentwickeln können.

Worauf sind Sie besonders stolz?
Weidenbeck: Ich habe ein ausgezeichnetes Schulleitungsteam und Kollegium, das an einem Strang zieht. Unsere Ausstattung ist hochmodern. So kann ich ein "wohlbestelltes Haus" hinterlassen. Das ist wichtig für die Zukunft der Schule und unserer Region. Wenn wir keine Fachkräfte haben, dann wandern Betriebe ab, das ist ein Rattenschwanz. Gerade auch die Absolventen unserer beiden Technikerschulen sind bei den Betrieben in unserer Region sehr gefragt. Froh bin ich auch, dass die Nebenstelle für Gastronomie und Agrar in der Innstraße erhalten wurde, ebenso das Seminar für Metall, und dass die Flüchtlingsbeschulung bei uns ein Erfolgsmodell wurde.

Worauf haben Sie besonderes Augenmerk gelegt?
Weidenbeck: Wichtig war mir, Dinge zu ermöglichen, wie etwa im Bereich der Automatisierungstechnik und Robotik, die Lehrkräfte nach ihren Fähigkeiten und möglichst ihren Wünschen einzusetzen, dass an der Schule ein gutes Miteinander herrscht und alle auch über die Abteilungsgrenzen hinweg gut zusammenarbeiten. Das hat mir insbesondere bei der fortlaufenden Verjüngung des Kollegiums geholfen, motivierte Nachwuchslehrkräfte zu gewinnen. Ein Vorteil unserer großen Schule ist dabei, dass sich unsere Lehrkräfte spezialisieren können. Das war mir ganz wichtig.

Corona hat auch Ihre große Schule extrem gefordert?
Weidenbeck: Natürlich hängt über uns immer das Damoklesschwert, wie hoch die Infektionszahlen sind. Aber Schulen haben sich nicht als Pandemietreiber herausgestellt. Aktuell testen wir dreimal die Woche. Während des Lockdowns hat das Homeschooling mit MS-Teams gut geklappt, auch weil bei uns die technische Ausstattung gepasst hat und passt. Die Kollegen waren zudem sehr findig, etwa mit extra angefertigten Lernvideos. Außerdem war es für uns leichter, weil unsere Schüler ja großteils in den Betrieben arbeiten konnten.

Am 18. Februar ist nun Ihr letzter Schultag. Wie wird der aussehen?
Weidenbeck: Wegen Corona wird es wohl keine große Verabschiedung geben. Nicht auszudenken, wenn da was wäre. Der Betrieb läuft ja am Montag ohne mich ganz normal weiter. Im kleinen Kreis könnte ich mir schon vorstellen, dass wir auf meine Pensionierung anstoßen werden. Ich glaub’, dass mich die Kollegen überraschen werden. Da wird schon manchmal ein bisschen getuschelt (lacht).

Wie ist es um die Zukunft der Berufsschule bestellt?
Weidenbeck: Da ist mir nicht bange, wir stehen gut da. Wir sind eine moderne, sehr gut ausgestattete Schule. Man muss halt immer schauen, dass man vorne mit dabei ist. So haben wir beispielsweise die Mittel aus dem Digitalpakt voll ausgeschöpft. Ebenso entwickeln wir im Rahmen des Schulversuchs "Perlen 4.0" Möglichkeiten des personalisierten Lernens. Sorgen bereiten mir aber die zurückgehenden Schülerzahlen. Das kann über kurz oder lang negative Auswirkungen auf die Schulstandorte haben.

Ihre Pläne für die Zukunft? Auf was freuen Sie sich, was werden Sie vermissen?
Weidenbeck: Fehlen wird mir sicher das Kollegium hier an der Schule, wirklich ein tolles Team von Schulleitung über Verwaltung und Lehrer. Hier haben fast schon ideale Bedingungen geherrscht. Um die wird man auch beneidet. Ich hab’ aber keine Angst davor, dass mir jetzt langweilig wird. Ich freu’ mich auf viel Zeit für mich, meine Frau, meine Familie, meine Hobbys, meinen Garten. Wir wollen viel reisen, so gut es coronabedingt halt geht. Und wahrscheinlich werde ich nur noch in Engelbert-Strauss-Kleidung rumlaufen.

Was wünschen Sie sich für Ihren Nachfolger?
Weidenbeck: Noch ist es nicht klar, wer dies sein wird. Ich wünsche meinem Nachfolger aber Unterstützung von allen Seiten, seine Vorstellungen und Visionen für meine Schule gemeinsam mit den Betroffenen umzusetzen. Natürlich soll ein neuer Leiter der Schule auch seinen eigenen Stempel aufdrücken. In der letzten Abteilungsleitersitzung habe ich zu meinen Kollegen gesagt: Bewahrt das, was wir gut gemacht haben, ändert alles, was euch stört – denn es ist eure Schule. (PNP vom 05.02.2022)

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